Seenot in Marzahn

eine surreale Komödie aus Berlin-Marzahn

Horst - Fleischer, 50 Jahre
Harry - Hauswart, 40 Jahre
Karl - Kneipenbesitzer, 35 Jahre
Rudi - Dachdecker, 30 Jahre

Babsi - Hausfrau, 35 Jahre
Bärbel - Köchin, 30 Jahre
Natascha - Dame, 26 Jahre
Tina - Kosmetikerin, 20 Jahre

Die Geschichte von vier Männern in einem Schlauchboot, die
den Berg zu Marzahn erklimmen auf der Suche nach ihren
Träumen.

Szenenauszug:

2. Im Boot/ Am Ufer eines Flusses	 A/T

Drei Männer, Horst, Harry und Karl, stehen schwankend und
mit den Händen in der Luft rudernd in einem Plastikboot.
Ihr Blick schweift über die Hochhäuser von Marzahn hinweg
auf Karl, der triumphal die Landkarte in der Luft hält. Es
ist Sommer, die Sonne scheint, und die Karte flattert im
Wind.

KARL: Alle zurück in ihre Positionen.

Die drei Männer fallen auf ihre Plätze zurück. Das Boot
befindet sich wieder in einem geraden Zustand und steht
auf einer Wiese, umgeben von hohem Schilf und
Wassergräsern.

Dem kleinen, kugeligen Harry wird es kühl am Hals und
wirft sich einen Schal über. Vorsichtig und etwas
verängstigt schaut er über den Bootsrand. Der
übergewichtige Horst sieht sich irritiert um und beißt auf
seinen Lippen herum, während Rudi gelangweilt wartet.
Horst gibt Karl zögerlich das Handzeichen zur Weiterfahrt.

KARL: Vier Schläge backbord!

RUDI: Nur hoch qualifizierte Fachkräfte wie Karl können
	ein Unternehmen in den Bankrott fahren.

KARL: ... und zak und zak, na wird´s bald.

Rudi und Harry beginnen, widerstrebend zu rudern.

HARRY: Ich sag´s ja, alle Menschen, die Karriere machen,
sind Kriminelle.

KARL: Auf die Schnelle.

HARRY: Hast´ du nich auch deinen
Kompagnon um die Ecke gebracht, um an seine Knete
´ranzukommen...

Karl winkt ab.

KARL : Komm´ auf ´n Erdboden zurück.

HARRY: Es gibt kein Zurück.

HORST: Harry, ich hab´ Karl zum Steuermann gemacht, weil
ihm meine Frau vertraut und ...

RUDI: .., weil ich mich von meiner Liebsten erholen muß.

HORST: Von der könnt´ ich nicht genug kriegen.

RUDI: So eine erträgst nicht mal du. Die frißt dich auf
mit Haut und Haaren.

KARL: Hast du Probleme mit Frauen!?

RUDI: Nein, aber du.

KARL: Ach, wirklich.

RUDI: Du kriegst doch seit Jahren keinen mehr hoch, und
Zärtlichkeit ist ´n Fremdwort für dich.

Karl droht Rudi mit der Faust und steht wütend auf,
während Rudi ihn gelassen ansieht. Harry macht sich klein
und beobachtet die beiden schadenfroh. Horst steht auf, um
einzugreifen, das Boot fängt an, wegen seines
Übergewichtes schwer zu kippen. Er sieht in die Richtung
der Hochhäuser, die immer größer werden.

HORST: Männer, wir stehen vor einer neuen Etappe unserer
Reise. Die Zeiten können nur noch besser werden!

Harry verliert wegen des schwankenden Bootes die Kontrolle
über seine Ruder, lehnt sich über die Reling und würgt.

Karl setzt sich und sticht wütend mit einem Zirkel in die
Landkarte, während Horst stehen bleibt und mit großen,
strahlenden Augen in die Ferne schaut. Das Boot verbleibt
in seiner Schräglage. Harry vergißt  auf einmal seine
Seekrankheit, und Rudi sieht sofort in die gleiche
Richtung. Sie entdecken vier Frauen am anderen Ufer des
Flusses und "fressen" sie von Kopf bis Fuß auf.

Die Damen sitzen auf vier Klappstühlen am Ufer, umgeben
von Schilf und hohen Bäumen. Eine blonde Frau, BÄRBEL, in
einem bunten Blumenkleid angelt mit einem lustvollen
Lächeln. Eine rothaarige Frau, BABSI, mit Perücke und
tiefem Ausschnitt strickt an einem langen, roten Schal.
Die dritte Frau, TINA, mit zwei Zöpfen rechts und links
und rosa Lippenstift, manikürt genußvoll ihre Fingernägel.
Die vierte und letzte Frau, NATASCHA, mit getigerter
Sonnenbrille, sonnt sich entspannt und hat ein Buch auf
dem Bauch.

HORST+HARRY: Torten!

KARL: Mit viel Buttercreme.

Die vier Frauen entdecken das Boot und winken ihnen
fröhlich zu. Die Männer stehen im Boot, inzwischen in
waagerechter Position, und winken strahlend zurück, selbst
Karl schafft ein Lächeln.

HORST: ´Ran gehen und kentern!

HARRY: Unsere Göttinnen steigen vom Olymp...

KARL: Der wurde von den Römern in die Luft gejagt.

HORST: Los anlegen.

KARL: Das geht nicht, unser Boot würde auf Grund laufen.

Horst sieht über den Bootsrand, winkt verächtlich ab und
schaut zu den Frauen herüber.

Babsi und Bärbel haben das Strickzeug und die Angel
beiseite gelegt, stehen am Ufer und winken immer
aufgeregter den Männern zu. Tina ist mit Rudi beschäftigt,
der sofort anfängt, mit ihr zu flirten. Dabei fällt ihr
der Nagellack auf den Boden, aber das kümmert sie kaum.

BABSI+BÄRBEL: Hallo, ihr Süßen!

Horst und Harry quietschen vor Begeisterung. Karl ist über
die Disziplinlosigkeit seiner Leute genervt.

HORST: Ich will sie alle.

HARRY: Eine bleibt für mich übrig.

HORST: Los Karl, laß´ uns die Schnecken an Bord holen.

KARL: Das Boot ist zu klein.

HORST: Wir quetschen uns zu Ölsardinen und werfen das
Gepäck über Bord.

KARL: Wir haben keine Zeit.

HORST: Ich HABE Zeit!

Karl sieht verstohlen zu Natascha hinüber, die ihre
Sonnenbrille abnimmt und ihn ansieht.

BABSI: Kommt rüber! Wir machen ´ne Pulle auf.

BÄRBEL: Es gibt Bratfisch zum Mittagessen.

HORST: Wir haben Scampis und Champagner.

HARRY: Zum Nachtisch gibt´s Schokopudding.

HORST: ... und Harry kann singen.

Bärbel fuchtelt mit einer Bratpfanne in der Luft herum,
während sich Natascha zurücklehnt und in der Sonne räkelt.
Tina findet Rudi sehr attraktiv und öffnet langsam ihre
Zöpfe.

Harry fängt an, einen fetzigen Rocksong zu trällern,
während Karl gelegentlich zu Natascha hinüberschaut.

HARRY: "Only you you..."

Babsi, Bärbel und Horst sind begeistert. Die beiden Frauen
fangen an, am Ufer zu tanzen, während Horst aufsteht und
mit den Hüften wackelt. Das Boot gerät bedrohlich ins
Schwanken.

KARL: Aufhören, alle sofort aufhören.

Horst dreht sich erstaunt um, während Harry noch leise vor
sich hin summt.  Rudi hört auf, mit Tina zu flirten.

KARL: Wir fahren weiter.

HORST: Nein.

KARL: Wir haben nur noch sechs Stunden bis
Sonnenuntergang!

RUDI: Karl hat Recht.

Horst setzt sich langsam, und fängt an zu grübeln. Das
Boot liegt wieder gerade im Wasser.

TINA: Wir kommen zu euch rüber.

BÄRBEL: ... zu den schärfsten Männern von Marzahn.

KARL: Nein, nein und nochmals nein. Mir kommen keine
	Weiber auf´s Boot.

Die vier Frauen stehen plötzlich erbost nebeneinander...

Fortsetzung folgt...

Berlin, November 1998