“Du bist eine Dreckssau! Hör auf, mich zu schütteln!” Die Frau schrickt zurück. Ihre Pelzmütze fällt auf den Boden. Ein Name taucht auf, man kann noch nicht sagen, ob als Opfer oder als Täter. - H.M. ist angeklagt. - Seine Akte liegt noch nicht vor. - Er sei ein IM gewesen. - Akteneinsicht ist noch nicht erlaubt. - Wir sind kurz vorm Zoologischen Garten. Sie verschließt schnell ihren Mantel - violett - billig - Sie verschließt schnell ihre Gedanken. - unter Druck - Angst - “Du bist eine alte Drecksstasitusse!” Langsam ergibt er sich, ergibt sich seinem Schicksal, krümmt seinen Magen, beugt sich vorne über, muß fast erbrechen - erbrechen seine Verbitterung, auskotzen seine Enttäuschung nicht ein anderes Leben, leben zu können. “Aber du mußt jetzt aufstehen!” - Sie verläßt ihn - ihren Ehemann - erträgt nicht seine Brutalität. - Seine Gewalt verletzt sie. Was soll sie mit diesem Mann anfangen, der ab 20h00 volltrunken ist. Er zerstört sie, schiebt alle Fehler auf sie ab, läßt sie alleine zurück. Alleine muß´ sie sich mit ihrer Stasivergangenheit auseinandersetzen. - Akteneinsicht ist noch nicht erlaubt. - Er hat die Seine auf die Ihrige abgeschoben. Er hat seine Gewissensbisse auf die Ihrigen abgeschoben. - Seine Akte ist verloren gegangen. - War er einer derjenigen, der andere Menschen im Auftrage des Staates krank machte? - “Du bist eine alte Drecksstasitussi! Hört ihr alle, was ich sage!”

Ja, wir hören alle, wie er - sie - ihr etwas zuflüstert, zuschiebt, hinschiebt, wegschiebt, in den Abgrund schiebt. Ich soll ein IM gewesen sein. - Hört ihr das Flüstern. - Das kann nicht wahr sein. - Hört ihr das Tuscheln. - Ihr kennt doch mein Dasein! - Hört ihr das Raunen! - Helft mir, ihr wißt um meine Unschuldigkeit! Ich versinke im Morast, ersticke im Sumpf der Verleumdungen, die sich um meinen Hals enger und enger schlingen. Wollt´ ihr mich fertig machen? Ich war nicht ein Täter im Sinne der Verräter, wurde zum Opfer im Sinne der Opfer. Wollt Ihr mich ins Ausseits führen, abgeurteilt von Euch in diesem siechenden Dasein der Anormalität, verurteilt vor dem obersten Richter! Mein Magen verkrampft sich, meine Kehle schnürt sich zu. - Mißtrauen, tief verwurzelt in die Verrücktheit gehend, in den Irrsinn aufsteigend! - Auf dem schmalen Grat die Wahrheit suchen! - Kann ich Dir noch vertrauen? - Albi, dein liebes Lächeln in früher Jugend, deine Nähe, deine Zärtlichkeit - du berührtest mich tief - Ich vermiße dich, vermiße deine Wärme. Warum verliessest du uns so früh, so plötzlich - unerwartet - Ein Kind tanzt schwebend durch den Raum, leicht zwischen den Stühlen und Tischen nachdenklicher Menschen hinweg. Blätter fliegen auf, legen sich vor ihre Füße - ein strahlendes Lächeln - frei von Problemen, fern von Qualen unser selbst, die dort stehen in Pfützen des Alkohols, wichtig nehmend, tuend, fühlend. - Warum nur, warum gingst du von dannen? Warum hast du mich verlassen, so früh, ließt mich zurück in der Kälte des Windes der tanzenden Blätter, die mich einkreisen, anstarren, verfolgen weiter und weiter in jede Ecke der Welt. Gehörte es zur Normalität des Alltags, mit der Stasi in Kontakt zu kommen? Nein, sagt der Eine, ja, behauptet der Andere - 120.000 oder 500.000 ´Geheime Informanten´, Zahlen über Zahlen, Worte neben Worte, leerer, weiter und immer weiter. Standen wir aller unter Druck und Erpressung, sahen keinen Ausweg, als die Bereitschaftserkärung zur Zusammenarbeit zu unterschreiben? Es bleibt der Irrsinn, die leichtsinnige Verleumdung durch vorschnelle Erkenntnisse. Ein immer schmaler werdender Grad auf der Suche nach der uns unerfüllt bleibenden Wahrheit. Ich soll, bin, war, war vielleicht wirklich oder nicht, ich weiß nicht und weiß es doch. Sollte ein IM im Netze der IM`s gewesen sein, ich könnte, ich würde … ich war ein IM, jeder war ein IM.