“Ich habe viel in den letzten 40 Jahren erlebt. Viele Menschen hab´ ich hier gekannt. Aber alle kommen sie irgendwann zurück, und das Traurige ist, sie bleiben alle hängen.” Hängen in dieser Bar bis .. “Ich mich zu Tode gesoffen habe. Vielleicht schon nächste Woche.” - “Wie alt sind sie?” - “30″ - “Ja, dann wissen sie schon, wovon sie reden. Irgendwann muß man sich entscheiden - entweder dieses unabhängige Leben oder …” - “Wissen sie, ich war mal sehr hübsch und hab´ all´ diese Künstlerleute gekannt, die jetzt nur diese Clichés spielen. Die kennen doch unser Milieu, wo sie doch ständig hier sind. Und wenn die hier sind, dann lassen sie die Sau raus, wie keiner es hier im Kiez machen würde.” - “Als ich 20 war, hübsch und frei, da hab´ ich gemacht, was ich wollte, hab´ es ausgekostet.” - “Ich trinke, bis ich nicht mehr kann, und dann leg´ ich mich schlafen.” - Irgendwie enden sie hier alle wie ich. - ” Ich hab´ schon viel schreckliches erlebt, glauben sie mir.” - “Sie müssen sich mit 40 spätestens entschieden haben.” - “Wissen sie, eines Tages ging mein Hündchen, Fussel, die Herbertstraße entlang und blieb vor einem Bordell stehen. Dann wurden zwei andere Hündchen hinausgelassen und dann sind sie zu dritt durch die Herbertgasse gewandert.” -

Weg zurück zur Reeperbahn

Seit drei Jahren leb´ ich alleine, es ist einfacher. Selber hab´ ich ja genug Probleme, und wen der andere dann auch noch Probleme hat, ist es einfach zu viel. Die Männer hier haben doch mehr oder weniger alle Probleme. Das ist doch nun mal so mit den Menschen, die hier leben. Mein letzter Freund war n´ Spieler. Ich hab´ sehr an ihm gehangen. Ich klammere ja oft noch zu viel. Eigentlich müßte man ja mal was lernen. Es ist einfach eine Sucht. Er verspielte einen Hunderter nach dem anderen, hatte richtig glasige Augen, krank war er. Es ist wie mit dem Alkohol, als ich noch keinen Hund hatte und so richtig breit war nach zwei Tagen saufen, dann hast´e erstmal Schüttelfrost, Schweißausbrüche, darfst nicht sofort aufhören zu trinken. Du merkst es gar nicht, aber du drehst plötzlich durch.

Heute kämpft jeder für sich, früher kannte jeder jeden. Es gab´ die Herbertstraße und 50 draußen. Heute sind´s 200. Das Geld ist zu knapp. Früher habe ich 500.- bis 1000.-DM nach Hause gebracht, und die Freier haben selber gearbeitet. Na hatte der nichts verdient, dann hatten wir vielleicht was verdient oder umgekehrt. Aber heute arbeiten die doch nicht und lassen ihre drei Frauen ranschaffen. Abends gehen sie mit der ins Bett, die das meiste Geld rangeschafft hat. Die anderen werden durch Entzug bestraft, bis sie mehr ranschaffen. Heute halte ich mich aus den meisten Dingen raus. Früher habe ich mich auch mit Männer geschlagen. Nun ja, er hatte n´ blaues Auge und ich hatte n´ blaues Auge den nächsten Tag, nun was solls. Aber heute ist das anders. Ich hab´ immer noch den Ruf, daß ich zuschlage, aber ich halte mich raus.

Mira gehört die Kneipe und Mira vermietet bei uns die 1. Etage. Becker hat sich mit Mira verbunden. Na und wenn die Frauen Ärger machen, kriegen sie nur Ärger mit Becker. Der weiß, daß wir unsere Ständer hier immer rauslassen, auch tagsüber, obwohl´s seit 20 Jahren verboten ist. Na ja, habe bis jetzt 6000.-DM Strafe gezahlt. Was soll´s!

Die Schwarzen machen hier den Drogenhandel. Dann zeigen sie ihren Wohnsitz und ihren Ausweis und sind nach einem Tag wieder draußen. Die Polizei tut überhaupt nichts. Ich kann´s ja verstehen. Dürfen erst schießen, nachdem auf sie geschossen wurde und das bei dem winzigen Gehalt. Sollen sie dafür ihr Leben lassen! Aber auch die Türken haben manchmal n´ Auftreten, die wollten doch hier unbedingt in unser Haus rein und fingen an, das Schloß aufzubrechen. All´ das Gesoks, was die letzten 6 Jahre hier hergekommen ist, hätten sie lieber draußen lassen sollen. Hier im Kiez gibt es einfach bestimmte Regeln.

Selbst, wenn ich draußen ranschaffe, bin ich hier in der Kneipe Gast. Ich animiere hier nicht und trink´ nur mein Bier. Wenn mich hier jemand anfaßt, dann kriegt er eine geknallt. Der kann sich sein Bier selber in den Arsch stecken. Dann kommen manchmal so seriöse Frauen hierher. Die stellen sich hier manchmal an, wenn sie besoffen sind, so stellt sich keiner von uns an. Schreien hier rum, wenn´s ihnen nicht gefällt, dann sollen sie doch abhauen. Das gleiche mit den Typen. Die kommen hier rein und denken, sie können machen, was sie wollen, können jede anmachen. Schlimmer ist es, wenn sie aus dem Milieu kommen und dann ihre soliden Frauen anschleppen. Die verbreiten nur schlechte Laune und ein Gast nach dem anderen geht. So viel kann ein Gast gar nicht trinken, nur am herummeckern sind sie.

… und jetzt steht sie wieder dort, mit ihren 58 Jahren und frisch gefärbten Haaren. “Du kannst keinen Menschen halten. Mein erster Mann ist im Meer untergegangen, mein zweiter Mann ist gestorben, der Dritte hat sich scheiden lassen… und auch die anderen, du kannst sie nicht halten. Aber dann sag´ ich mir, da bin ich doch lieber alleine. Ich krieg´ doch mit, wie sie sich alle anschreien, sich gegenseitig zerfetzen, vernichten… Da bin ich doch lieber alleine mit meinen Tieren, die halten immer zu mir. Aber ich muß vom Alkohol runter. Fünf Entziehungskuren habe ich hinter mir, aber das nützt nichts. Wenn du die Ursachen nicht änderst, fängst du doch immer wieder von vorne an. Ich will jetzt mit ´ner Therapie anfangen. Morgen oder übermorgen gehe ich zum Arzt. Weißt du, ich wurde mit 15 von meinem Vater vergewaltigt. Ich habe ein mißtrauisches Verhältnis zu Männern, die merken es doch alle. Ich hasse sie.”