Berlin – Arbeitsamt

Fühle mich leer, aufgehängt, in der Luft schwebend. Angst ruht tief in mir. Wann ersticke ich? Wann erwürge ich mich an meiner eigenen Frustration? Frustration über meine Unfähigkeit, Arbeit zu finden, meine Unfähigkeit, Geld zu verdienen mit dem, was ich mache. Nichts passiert, nichts wird passieren.
- Vakuum - Ich bekomme keine Luft, kann nicht atmen und kann nicht ersticken. Grauer Boden, hellblaue Plastikstühle - Armut sitzt um mich herum - hagere Gesichter, denen die Frustration und Langeweile im Gesicht steht. Das Leben mit Alkohol und Zigaretten zerfurcht unsere Haut. Spalten klaffen sich vor uns auf und führen uns in den Abgrund der Öde und der Dummheit. Nicht die Weite einer zerfurchten Ackerlandschaft sehen wir vor uns, sondern die Öde dieser Menschen, einer neben dem Anderen in den grauen Gängen dieses Arbeitsamtes mit hellblauen Stühlen und dunkelblauen Kästen. Kästen aus denen wir unsere Existenzberechtigung ziehen: Nr. “347”. Harmonie in seiner verblödenden Ausführung. “Haben Sie keine Nummer?” - “Die habe ich nicht im Kopf.” - “Wo sind ihre Unterlagen?” - “Die habe ich zu Hause!” - Walkman in den Ohren, Jeansanzug mit rosa T-shirt. Er trocknet seinen Prinzen mit dem Handtuch ab, und weg ist er - Ich fühle nichts mehr, spüre keine Menschen mehr. Warten, warten immer nur warten. So sitzt er mit seiner Plastiktüte und der BZ in der Hand - Seine riesen Nase steht in der Gegend. Sie vermag nicht, diese Dumpfheit zu durchstoßen, Licht zu schaffen. Stoßen, trampeln, niedermachen “U-Bahn Heldin todkrank” - Treten wir nieder, was wir niedertreten können! - “351” - ich bin immer noch nicht dran - “2” immer noch keinen Eintritt in das Heim dieser Gesellschaft - “348” Warten, sehr Verehrter, warten, Leere immer nur Leere, “319”, still sitzen, Geduld. Soll ich diese Stadt hassen, die mich in die Passivität drängt? - “326” Hat sich in dieser Stadt nichts für mich geändert? - “354” es dreht sich im Kreise wie der Kreisel der Kindheit - 5 - 10 - 13 - 18 - ich bin Nummer “347” Verdammt, verdummt, verdammt, auf immer und ewig - auf das sich im Kreise bewegen - Passivität und Lethargie - “361” es ist kurz vor zwölf - Berlin - Es gibt weniger Bierbäuche in Berlin - Menschen sind magerer geworden.. - Integration in die versammelte und vor sich hinstarrende Dummheit - “343” Sie sitzt neben mir, wird immer nervöser und nervöser. Schmächtige, blonde, dürre Frau mit schlechter Dauerwelle, Jeans, grünem Sweatshirt und häßlicher Brille. Faserig wühlt sie in ihren Unterlagen, völlig abgenutzt und zerfledert - Schnief - sie redet laut vor sich hin - Schnief - sie verdreht ihre Finger - verkrampft sie, eine merkwürdige Skulptur entsteht - Plötzlich schmeißt sie ihre Unterlagen auf den Boden - Schnief - wühlt in ihrer Tasche - redet vor sich hin, zittert - Schnief, sie geht - er geht, Zigarette im Mundwinkel, grauer Plastikaktenkoffer, Plastikjacke, Haare hoch tupiert - 55 Jahre - dicke Hornbrille - du wirst alt - Langsam läuft er, immer langsamer werdend mit seiner Zigarette im Mundwinkel - 55 Jahre, arbeitslos, in Berlin, 1991 - “342” - Sie rennt - ein erschreckende Nervosität überträgt sie - Er steht da, studiert Fragebögen - Was gibt es noch zu tun? - Plastikaktenkoffer, Zigarette im Mundwinkel - Sollte das Leben bereits vorbei sein? Vergangenheit nur noch vergraben in seinen Falten? - grauer Boden, hellblaue Stühle im Neonlicht des Wartesaals - Ein Hengst mit Sonnenbrille und BZ kommt hereingestürmt. Unser Hengst ist zugebunden , eingezwängt in Leder, das Gewicht seiner Cowboystiefel zwingt ihn zu Boden - Er nimmt seine Hornbrille ab, wartet. Der halbbesoffene Cowboy mit seinem Schnurrbart, roter Birne verliert seine Augen. Sein Arm sinkt nieder, verliert seinen Adler - nein, ich darf noch nicht schlafen.

- “347” endlich - “Raum 5” - Herr Sucholeb - ein wahrer Beamter, dessen Augen immer auf das Papier blicken, es zerbohrt, durchforstet - militärischer Kurzhaarschnitt, Silbernadel - Lärm, Dröhnen von Autos und Lastwagen zerbirst mein Hirn - quietschen, donnern, Autobremsen - Herr “5” bekommt ein kindliches Lächeln als ein strahlender, junger Hüne den Raum betritt - Sozialversicherungsnachweise - “347” ist zurückgestellt - Wieder durchfurchen seine Augen tief die Akten dieses jungen Gottes. Sein Kugelschreiber kämpft für diesen Gott, durchbohrt und ersticht das Papier. Häckchen, Zeichen, Wörter werden diesem Gotte geopfert - Allah, Allah erbarme dich meiner - Es stinkt erbärmlich in meiner Wohnung. Alte Pisse von einem alten Mann - eine Berliner Wohnung, verwahrlost, veraltet - 90 Jahre - “Allah, erbarme dich unser” - “Haben Sie den Ablehnungsbescheid dabei!”. Er preßt sich in seine ihm vorgegebene Form, eine Form mit der Funktion, Beamter zu sein…

Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wächst. Wir arbeiten unter Tarif, unterm Tarif der Hoffnung, unter der Grenze zu einem anderen Leben, unter dem uns genannten und vergessenen Hungerlohn - reicht, um das nach Tarif lebensnotwendige zu bezahlen. Alle im Gleichschritt - Marsch - Unterm Tarif, ruf´ auf´n Markt, ruf´ auf´s Schafott, rauf auf den Strich, runter in die Statistik, hinein in die immer länger werdenden Schlangen - Dort stehen sie, dort stehen wir, mit trüben gelangweilten Gesichtern und warten, warten vor verschloßenen Türen. Dort stehen sie, die monströsen Industrierosse, nahe vor unserer Wohnung, rauchen durch ihre Schlotte - AEG, BMW, Telefunken, Mazda - Eine Dame zieht Nr. 387. Lange dünne Beine in Seidenstrümpfen, bedeckt mit roten Flecken, Prellungen, Nadelstichen, durchstreifen den Raum - Minirock und französisches Kostümchen, Pullover von Bilka - ihr Gesicht - oh´ Graus, welch´ Gram, welch´ Trauer - aufgeschwemmt vom Alkohol, durchfurcht von Pickelnarben, Mitessern, die sich durch uns fressen, schmarotzen - Nr. 387 muß sich leider noch gedulden - Elegante Französin sucht Arbeit! - Abgemagert, verlangend, revoltierend - die Narbe des Elends auf ihrem Körper verratend - “Sie schauen einen an, als wenn man von der Straße kämme!” Zwei dicke Frauen sitzen neben uns, auch sie reihen sich ein in unsere Damenriege von schlank-würgend, über pummelig-platt weiter zu fett-triefend. Fleischersfrau trifft Prostituierte, trifft frustrierte Intellektuelle. Keine Lust mehr auf exotische Liebesabenteuer mit ihm dort gegenüber aus Jamaica, trotz tiefen Blickes, trotz der empfindlich in die Tiefe treffenden Augen, keine Lust auf exzessive Abenteuer, denn … ! - Wir stehen in Reih´ und Glied und warten - “… denn wir wollen uns nicht verlieren in unkontrollierbaren Gefühlen, im wallenden Zittern unseres Körpers, im Triefen unseres Schweißes, nein … “ - Wir bleiben in Reih´ und Glied - Wir essen Dein Fleisch und Blut, warten auf Arbeit, warten auf das die Hostie auf unseren Lippen zergehen möge. Wir brechen nicht gemeinsam das Brot, nein, wir warten auf die hoheitliche Zuordnung “.. denn dein ist dein Leib und dein Blut, Jesu Christi, errette uns von dem Bösen, denn dein ist dein Reich, dein Reich der Bitternis und Armut.” Laßt uns es saufen das Blut in vollen Zügen, laßt uns dein Leib fressen, auf das wir wieder Kannibalen werden und zu deiner Seligkeit aufsteigen - verwildernd, verwesend, langsam, immer vor uns hinsiechend beim Stehen in der Schlange, hoffend auf die nächste Arbeit - zu dem gesetzlich vorgeschriebenen Tarif.