Fahrt ohne Ende

Jetzt wird die U-Bahn endlich das, was sie schon immer war, ein Puff, Puff, Puff mit rosa Licht, hellblau-rosa Wänden und Leopardenpolstern. Mitten drin unser Kleinbürgertum, bewacht von der Polizei. Hee, sie, da mit ihrem schwarzen Schleier auf rotem Hut - ”Wir beschützen sie mit unseren scharfen Hunden!” - “Vielen Dank, darf ich mich vorstellen, mein Name ist Gräfin von Meering” - “Und sie?” - “Dr.Stefan Frank, der Groschenroman von nebenan” - “Ich sitze fett und gemütlich in meinem dunkelblauen Trench und bin so wild auf sie. Ich bin der große Wilde aus den U-Bahnhöfen, dort wurde ich geboren.” - mit leiernder Stimme - die Dame mit Schleier und Herz zerbrechendem Blick - “Für wen soll ike noch Geld sparen - na ja, weg waren ´se - ´se waren och noch geistig rege” - Leier, leier vor dich hin, leier, leier, sieche vor dich hin, leier, leier, beide Weiber leiern vor sich hin - “Hee, Casanova sitze nicht so dumpf daneben, lasse deine Emotionen wallen, rege Gefühle!” - “Mensch, seene Erben haben doch genug bekommen, all´ die Goldmünzen.” - Seitenwechsel, Tapetenwechsel - zuerst verteidigen, dann ablehnen - Casanova im Trench, bewege dich, sag´ etwas - zuerst unterstützt du ihn, dann lehnst du ihn ab - ihn, einer der bekanteren Schriftsteller unseres Landes. Wie beseitigt man jemanden? Wie räumen wir in unserer Vergangenheit auf? Man schiebt ihn in die Stasiecke. - und du - und ich - was haben wir zu sagen! - und du - Casanova im Trenchcoat - wir hängen und wühlen in der Ecke - tief in die Ecke hinein und immer tiefer ins Schwarze, wie Wühlmäuse, immer tiefer ins Nichts, halten unsere Ohren zu “Für wen soll´ ike noch wat tun!” - “Für meene Oma, für unsere Gesellschaft? - se sind doch alle geistig rege!” - wühle, wühle, wühle einsam in der Ecke, verstecke, verrecke, verende und versiche, du dort in deiner Ecke “Ich mag´ nix mehr hören, ich mag nix mehr sehen, ich mag nur noch meene Arbeit tun!”

Zur Tür hinaus

Der Abstieg in die Kurfürstenstraße - elendige, magere Frauengestalten erscheinen in den Lichtern der fahrenden Autos - fahle Gesichter - tiefe Augenringe. Ihre Augen schauen trübe daher, im Vollrausch wankt sie dahin - schnell um die Ecke, Nachschub holen und weiter - weiter, immer weiter an der Wand lang, immer an der Wand lang, rauf auf den Strich, immer im Strich, ein Strich werden, ein Strich sein, heißt Dein sein - hoch sind die Berge, tief geht es hinab, am tiefsten in der Kurfürstenstraße. Dort bei der Kirche stehen sie angelehnt an den Autos, versuchen sich in Erotik und sind doch nur noch abgemagerte Gestelle, Silhouetten, die in der Dunkelheit verschwinden aber nicht aus meiner Erinnerung. - Eine Spritze liegt neben dem Telephon, muß kotzen - hagere Frauengestalten - jung, jünger, am jüngsten - 14 Jahre und älter - ein Strich am Straßenrand - von Schwäche und Abhängigkeit gezeichnet - dem Hunger anheim - dem Teufel ausgeliefert - dort schwebt er leibhaftig über uns - wir können uns ihm nicht entziehen. - Der Mythos des Rausches ist hin - Der Mythos phantastischer Träume ist vernichtet - Es bleibt der eiskalte Wind, der durch die Straßen unter unsere Miniröcke zieht - Es bleibt unser Zittern und Bibbern - Es bleiben die langsam an uns vorbeifahrenden Autos mit den gierig auf uns, starrenden männlichen Wesen. - Wir brauchen Euch, weil ihr unsere Miete zahlt. Wir suchen Euch, weil ihr unsere nächste Ausflucht in einen zerstörenden Traum zahlt, dort an der Ecke Kurfürsten Straße.