Eine Erzählung von Katharina Suckale / Erzählwettbewerb im Tagesspiegel

Ein Sommer in West-Berlin im Jahre 1968. Meine amerikanische Freundin und ich spielen gerade mit Barbiepuppen in meinem Zimmer. Wir sind fünf Jahre alt. Panzer fahren auf der Straße vorbei, die Fenster klirren, der Boden bebt. Zwei Mal die Woche fahren sie zu Militärübungen in den Grunewald, die Amerikaner mit ihren schweren Panzern, und wenn der Wind vom Westen weht, höre ich die Bomben einschlagen. Es sind ihre Barbiepuppen, mit denen wir spielen. Meine Eltern haben kein Geld, um diese perfekten, amerikanischen Wesen zu kaufen. Ihr Vater ist General der US-Armee in Berlin, mein Vater ist Beamter im Gesundheitsamt.

Leider darf ich nicht mit ihr zusammen in die amerikanische Schule bei uns gehen, weil ich aus West-Berlin komme. Ich darf auch nicht mit ihr zum Ballettunterricht gehen, weil ich Berlinerin bin. Nicht einmal einkaufen und essen gehen darf ich dort, wo sie einkaufen und essen gehen. Überall darf ich dort nicht hin, wo sie sind, die Amerikaner. Wir leben in einer besetzten Stadt. Wir sind nicht Bürger der Bundesrepublik Deutschland und auch nicht Genossen der Deutschen Demokratischen Republik. Trotzdem finden meine Freundin und ich immer wieder neue Orte der Phantasie, wo wir zusammen spielen können.

Panzer lassen erneut meinen Schreibtisch erzittern. Ich habe Angst. Was wäre, wenn es doch passieren würde, das, was wir alle erwarten? Und eines Tages ist sie weggefahren, für immer. Weshalb geht sie fort, ohne mich, läßt mich hier zurück in dieser Stadt? Man muß eben Amerikanerin sein, um leben zu dürfen, wo sie jetzt lebt.
Sechs Jahre später, 1974, fahren die Panzer seltener an meinem Zimmer vorbei. Ich sehe hinaus auf die Straße und lebe nur noch in der Phantasie, wo zwei kleine Mädchen glücklich miteinander spielten. Sie war meine beste Freundin, nie wieder werde ich einen Menschen finden wie sie. Meine Mutter macht sich Sorgen, aber nicht um mich. Ich bin 11 Jahre alt. Es sind Sommerferien, und wie immer haben wir kein Geld, um fortzufahren. So schickt sie mich mal wieder ins Freibad.

Wunderschön ist dieses Freibad im Grünen, und ich fühle mich wie eine Prinzessin in Spanien, obwohl ich in Berlin bin. Am Rande des Schwimmbeckens sitze ich und lasse meine Beine im türkisblauen Wasser baumeln. Alle lachen und sind glücklich in diesem gleißenden Sonnenlicht. So lerne ich, ich weiß nicht wie, einen süßen Jungen in meinem Alter kennen. Plötzlich war er da und sieht mich an. Seine Augen lassen nicht mehr von mir los. Er schwimmt um mich herum und ich um ihn. Wir bespritzen uns mit Wasser, planschen und toben wie kleine Seelöwen. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, aber ich bin glücklich. Noch nie in meinem Leben habe ich einen so netten Jungen kennengelernt. Ich, die die ganze Zeit in einem Zimmer hockt und in fernen Phantasien schwebt, lernt einen Jungen kennen.

Spontan lade ich ihn zu mir nach Hause ein. Ich will ihm meine Puppen und Stofftiere zeigen, mit ihm meine Bücher und Briefmarkensammlungen studieren, ihm mein Leben zeigen. Wie glücklich sind wir auf der Fahrt zu mir, hoch oben auf dem Doppeldeckerbus. Ich erlebe mehr Freude in diesen drei Stunden als in den letzten drei Jahren.

Fröhlich gehen wir das alte Treppenhaus zu der Wohnung meiner Eltern hoch. Es ist draußen heiß und eine herrliche Kühle umfängt uns hier. Gleich werden wir eine schöne, kalte Limonade trinken, und vielleicht kann ich meine Mutter davon überzeugen, daß sie uns ein Eis macht. Sie steht bereits in der Tür und wartet, als wir die Treppe hochkommen.

Doch plötzlich reißt sie mich mit einem harten Griff von ihm fort und brüllt ihn an. Noch nie habe ich meine Mutter so erlebt. Sie schreit wie eine Furie, er solle sofort verschwinden und sich hier nie wieder blicken lassen! Mit Türken wolle sie nichts zu tun haben. Ich bekomme keine Luft mehr, wage nicht zu heulen, verstehe nicht, was los ist. Was heißt das, Türke zu sein? Ich sehe einen letzten Moment in seine Augen und weiß, wie tief er mich berührt hat. Ich fühlte mich immer wertlos, bis ich ihn traf. Er mochte mich, so wie ich war. Noch niemals war ein Mensch für mich da, und jetzt ist er fort. Meine Mutter schimpft weiter auf mich ein, ich solle mich unterstehen, ihn jemals wiederzutreffen, ihr kommen keine Türken ins Haus.

Ich bin 11 Jahre alt, fremd in der Wohnung meiner Eltern, fremd in dieser Stadt. Die Panzer fahren an meinem Fenster vorbei, und ich höre sie nicht mehr. Ich sehe meine Puppen an, und sie existieren nicht mehr. Ich betrachte die Briefmarken aus Amerika, und es sind doch nur Briefmarken. Die Bilder an meinen Wänden erscheinen leer, die Straße vor meinem Zimmer ist tot, meine Phantasie erstirbt. Ich sehe, wie das Sonnenlicht über die Bäume streicht, und doch ist alles bedeutungslos geworden.

Noch 27 Jahre später, wenn ich aus New York, Paris oder sonst woher in diese Stadt, genannt Berlin, zurückkomme, denke ich an ihn. Wie gerne würde ich ihn wiedersehen, um ihm zu sagen, wie leid es mir tut. Aber ich weiß, ich werde ihn niemals wiedersehen. Ich kenne nicht seinen Namen und selbst sein Gesicht ist über die Jahre hinweg aus meinem Gedächtnis entschwunden.

ENDE