6h20 - Bäume, Autos, Autobahnen verschwinden im seichten Morgennebel. Es ist das einzig Schöne, was scheinbar in diesem Leben noch existiert. Die feinen Linien der Birken und Eichen fließen ineinander und verschwinden in den rosa, gräulichen Tönen der noch immer versteckten Sonne. Dünne Beinchen staksen durch das trockne Gras und halten sich schwerlich auf dem zerfließenden Sand. Man sieht das erste Rot der herbstlichen Bäume in der Herrlichkeit des entstehenden Lichtes - endlose Weite - Nebelschwaden bedecken die Felder - Bäume versinken und werden unsichtbar, schwarze Silhouetten verschwinden und werden aufgesogen. Telegraphenmasten können uns nicht zu nahe kommen. Ein altes Kirchlein taucht auf, niemand kehrt dort ein. - 7h13 - Endlich erhebt sich die tiefrote Königin des Tages über den Morgennebel. Ich verliere mich in der Weite dieses entstehenden Raumes, tiefer und tiefer in den sich ändernden Farben. Lang´ ist es her, daß ich eine solche Schönheit erleben durfte.

- Dessau - Rost blättert ab - Dreck tritt hervor. Gelb sind die Blätter gefärbt. Rot sind die Blätter gefärbt. Ein Traktor versinkt im Nebel. Schwarze, grüne und ocker Linien fließen von mir weg, ziehen mich mit, weg von diesen haßerfüllten Gedanken über mein Leben und meine Umwelt, hinein in eine nicht künstliche Schönheit. Häuser und Fabriken heben sich gegen den Dunst ab. Lichtstreifen dringen in den Boden ein, lösen ihn auf, befruchten ihn, geben den Pflanzen Nährstoffe. Arbeiter bauen den Bahnsteig um, Gleise werden aufgerissen. Seht´ mal, knallrote Äpfel hängen in den Bäumen. Doch da kommt mir eine Chemiefabrik zu nahe. Die Lichtstrahlen werden durch ihre Gifte und Gase zerstört - ein Fenster neben dem Anderen, eines kaputter als das Andere - dunkelbraune Quader steigen vor uns auf, finster verlieren sich Schornsteine in Schornsteinen und Röhren in Röhren, ein Labyrinth an Rost und Dreck - ein Monster unseres Zeitalters tut sich auf - der tiefe Abgrund dieses Landes - Bitterfeld - Die Gifte freßen sich in meinen Körper, lassen allen Dreck hervortreten, dringen in meine Gedärme. Meine Nervenzellen wehren sich, leisten Widerstand - es nützt nichts - alles ist befallen von diesem Gift. Diesem Gift, welches in unseren Köpfen steckt, diesem Gift, welches in unseren Lungen steckt, welches in unseren Herzen steckt, dort, wo die Schornsteine tief hineinstoßen, dort, wo sich der Rost festfrißt, dort, wo sich Fäulnis breitmacht - Bitterfeld - ein bitteres Feld der Armut - ein bitteres Feld eines falsch interpretierten Traumes. Leerstehende Fabrikgebäude - sie waren einmal belebt - zerstörte Fenster - sie dienten einmal des Schutzes - Bitterfeld, es diente einmal einer untergehenden Gesellschaft -

Der, er, der mir gegenüber sitzt, liest ein Buch über Bewerbungstechniken, steif und in der gleichen Position wie vor zwei Stunden - Spontanität kann man und darf man nicht leben - das Bitterfeld im Menschen - Magere Pappelbäumchen konnten sich vor diesen Menschen retten, eine Reihe von Soldaten heben sich am Rande der verdörrten Maisfelder ab - Sie müssen Bitterfeld schützen, schützen vor dem Einfall der bösartigen Ausländer, die unser Bitterfeld verdrecken und verarmen lassen! Tut es, oder tut es nicht, es wird euch nichts nützen. Ein feuerspeiender Drache ist am Verenden - einzelne Fackeln feuern noch vor sich hin, sind jedoch am versiegen - zerstörte Fenster, zerbröckelnde Mauern - Der Drache hat sich selbst zerstört - das oligopolistische Monster hat ihn vom Feld gedrängt - technischer Unfortschritt in den Leunawerken - ein toter Betontank steht neben dem Anderen. Keine Saat fällt mehr auf diesen Boden. Kein Leben wird mehr dort wachsen. - Sein Mundspray stinkt - ein Ehepaar - er röchelt und röchelt - sprüh, spray - es stinkt - die Fackeln sind am Abfackeln - Sie sind hinter der Entwicklung dieser Gesellschaft zurückgeblieben - Sein Mundspray stinkt erbärmlich. Seine Haare strotzen von Pomade - Glasscherben liegen vor unseren Füßen, ein Massengrab falscher Entscheidungen. Man wollte nicht sehen. Oh Grauen, wie lange wird noch der Westen an der Macht bleiben. Oh Grauen, man will auch heute noch nicht sehen. Oh Grauen, wann werden die Massen in den USA und Europa aufstehen und ihre Armut anprangern! Leichen über Leichen, Baumstafte stehen in der Landschaft. Keine Äste sind mehr zu sehen. Die Sonne verbreitet wunderschönes Licht, um klarer zu sehen, um tiefer zu blicken, in diese entleerten Seelen. Alles hat man ihnen genommen, nur noch bröklige Skelette stehen in Reih und Glied, oh du wundersame Sonne, was für eine Wärme verbreitest Du. Oh Grauen, was für ein Schrecken verbreitest Du über diese Landschaft. Trauerweiden auf den tiefen Furchen dieser Felder sind die einzigen Überlebenden dieses Regimes. Feuer vergeht, Wasser zerrinnt, Bäume zerfallen zu Staub, Fabriken gehen in Scherben, übrig bleiben die Furchen der Machtgier und Dummheit. Oh Grauen, wie konnte man den Alten so fehlinterpretieren. Oh Grauen, wie konnte man Gedanken so in den Wind zerstreuen. Oh Grauen, wie konnte man Worte für immer so vernichten. - Meine Augen fallen zu. Meine Finger schmerzen. Der Mundspray stinkt immer noch - unser Ehepaar aus Leuna - ratter, ratter - Wir fahren über eine alte Eisenbrücke - ratter, ratter - Wir fahren durch eine romantische Hügellandschaft. - ratter, ratter - doch, wer hätte das gedacht - Bitterfeld verfolgt uns - ratter, ratter - es stinkt.