Büchsen am Rande der Illusion

Freitagnachmittag in Neukölln, Plus Markt: Tote Augen, leere Augen, ausgemergelte und graue Gesichter schleppen sich zur Kasse. Alte Jeansjacken, Polyesterpullover. Die Kassiererin schreit, vollkommen überlastet. Der Aufseher kommt. “Ich höre sofort auf.” Wir stehen seit 10 Minuten in der Schlange. “Ich arbeite so nicht weiter.” Büchsen mit Königsbergerklopsen, Gulasch, Wienerwürstchen, Bouletten liegen in Metallgebilden - Käfigen - die sich vor den dahin schleppenden Menschen daher schieben und auf uns warten - warten, daß wir zusteigen in das Abenteuer des langen Fressens. Das Gemüse ist alt und abgeschlafft wie die Visagen um uns. Mein Rücken ist verspannt. Schmerzen in den Schultern, ziehen sich den Kopf hinauf. Das Obst ist schlecht. Weintrauben sind angefault - Wann sprengt sich mein Kopf in die Luft? - Die Taube schleppt sich schwer übers´ Dach. - zu viele Bouletten, zu viel Currywurst, die das Gehirn verstopfen - Wir stehen immer noch in Reih und Glied, wartend auf die Erlösung. Kisten türmen sich über uns auf - Weihnachtskekse - Weinachtskalender - Weihnachtsmarzipan - happy Christmas - happy sadness - happy senselessness. Das Neonlicht bedrängt die müden Augen. Meine Matratze ist schlecht. - “13mark46 “ - “Tschüß, Blondie” sagt die Kundin zu einer Kassiererin. Sie starrt mich an “Hau ab, du dumme Wohlstandskuh, du in deiner Wohlstandskleidung, du paßt nicht hierher, siehst Du nicht, wer hier regiert!” Eine alte Oma schreit hinter einer türkischen Familie hinterher. Sie schreit, sie kreischt - Krähen, Adler stürzen auf uns nieder - ich halte das nicht mehr aus, mein Kopf dröhnt, alles spannt sich, dehnt sich, es gibt keinen Platz mehr für dich - Sie meckert, wie all´ diese alten Weiber Berlins. Frustriert sind sie, das waren sie schon immer. Nichts hat sich verändert. Alles wird nur klarer und offener. Endlich zeigt ihr, wer ihr seid. Endlich sagt ihr, was ihr denkt. Endlich verkündet ihr, was ihr wollt. Es gibt keine Scheinheiligkeit mehr, es gibt kein Heiligtum mehr, nieder mit dem Mythos, Ende mit dem Mythos dieser Stadt! Sie stehen immer noch Schlange - Schlangen beim Plus Markt, Schlangen bei der Post, bei Aldi, beim Arbeitsamt, beim Lohnsteueramt, an der Imbißstube - Das heutige Menue: Currywurst, Bouletten, mit noch mehr Ketchup, Salz, Fett, EF718, FI219, KE33,..

Riesige Fabrikhallen tun sich vor mir auf. Schlangen ziehen sich durch ihre engen Gänge. Dicke Türkinnen stehen am Fließband - Fertigwurst - Fertigpizza - fast - faster - fast forward as the world of fast food - Schimmelpilze auf dem Pizzaboden - Ich schaffe es nicht. - Das Band läuft zu schnell - Ich schaffe nur zwei Salamischeiben statt drei. - Schimmel auf dem Pizzaboden - Ein Aufseher dreht den Boden um - dreht uns um - dreht mir den Magen um - Ich kotze - Die Imbißstube ist ständig voll. Der Gestank nimmt mir die Sinne. Die Sauce läuft den Arm hinunter. Hätte ich doch eher … - Ich schaffe es nicht, schaffe es nicht genug Käse auf den Pizzaböden zu verteilen - Wir singen - Das Band läuft schneller. Ich schaffe es nicht - es läuft zu schnell, es stinkt - aufgetautes Fertiggemüse, aufgetauter Käse - alles geht zu schnell - “Rennt mir nicht weg!” - “Alles ist zu schnell!” - aufgetaute Wurst - EF718, FI219, KE133,.. Schweiß fließt mein Körper hinab. Meine Hände sind verdreckt. - 6h00 - Frühschicht - Stechkarte - klack, klack - Nr. 8876 - ich habe es gerade noch geschafft - alles ist verspannt - Mein Rücken schmerzt - Steinbrocken reiben sich, zermürben sich, zerbröckeln sich - Du bist zu unfähig, zu dick, zu häßlich, einen anderen Job zu machen. Du hast es nicht besser verdient. - “Geh dort in die Ecke und bleib´ still!” - Geh´ in dein Zimmer und störe nicht” - “Geh´ aus dem Zimmer und hör´ auf zu singen!” - Was macht der Türke hier? Der kommt mir nicht in unsere Wohnung!” - Die erste Liebe eines 13-jährigen Mädchens - “Was macht die Negerin hier! Die kommt uns nicht ins Haus!” - Die erste Freundin eines 14-jährigen Mädchens - “Aber ich verstehe mich gut mit ihr!” - “Ihre Mutter - im Bademantel - am Sontag um 12h00 - in einem Ghetto!” - Puppe, Puppe tanz´ im Kreise, so schnell du kannst - dreh´ - dreh´ - dreh´ dich im Kreise, so schnell du kannst - vergiß´ - vergiß´, daß man dir deine Liebe raubt, vergiß´, daß man dir deine Freunde nimmt - Puppe, Puppe dreh´ dich im Kreise - Eins und zwei, zwei statt drei, du schaffst es nicht. Das Band läuft zu schnell. Du hast das falsche Gemüse genommen, du bist unfähig, du machst zuviel Lärm, du fetter Trampel. - Berlin, welch´ schöne Stadt, Berlin, welch´ glückliche Stadt - ich haße dich.